Rückschau auf Gedenkanlässe des Jahres 2009

Vortrags- und Gesprächsabend am 15. Jan. 2010 um 19 Uhr im Vereinsheim (neben der Schule)

Programm laut Ankündigung:

Warum am 15. Januar? ein wenig Kalenderkunde: Römisches Neujahr und Gedenktag Scaliger.

Vor 2000 Jahren Varusschlacht. Wo war der Teutoburger Wald? Wie ist das Ereignis einzuordnen?

Darwin-Jahr. Was war neu an der Idee? Auch Lamarck hat Jubiläum!

Vor 100 Jahren wurde der Nordpol erreicht. Ein bisschen gemogelt? Es gibt ein merkwürdiges Zielfoto.

Ganz lokal: 100 Jahre Gottenheimer Schule. Wie war es damals in der Schule, als sie noch jung war?
Unsere Heimatdichterin, Frau Martha Schmidle wird die Frage beantworten.

Und was noch? Schiller, Händel, Haydn... Wer weiß noch mehr?


1. Kalenderkunde

Personen und Kalender Das älteste Ereignis, dessen wir heute gedenken, greift in die römische Geschichte zurück. Da passt es gut, dass wir die Rückschau am 15. Januar abhalten. Denn gestern wäre der Neujahrstag gewesen, wenn der damals gültige Julianische Kalender unverändert weitergeführt worden wäre. Grundproblem der Kalenderkunde ist, dass Erdumdrehung, Sonnenumlauf und Mondumlauf in keinem rationalen Zahlenverhältnis stehen. Sie sind noch nicht einmal wirklich konstant. Vor allem die Erdumdrehung ist messbar abnehmend. Verschiedene Kulturen haben unterschiedlichste mathematische Näherungslösungen gefunden.

Unsere Zeitrechnung basiert auf dem von Gaius Julius Caesar im Jahr 45 v. Chr. nach einem ägyptischen Vorbild (Reform des Euergetes Ptolemäus 238 v. Chr., die aber dort scheiterte) in Rom eingeführten Kalender, der alle 4 Jahre einen Schalttag vorsah. Dies war noch nicht unser 29. Februar, sondern ein doppelt gezählter 24. (sechster Tag vor dem 1. März, Anfang und Ende mitgezählt). Daher heißt noch heute das Schaltjahr auf französisch l'année bissextile. Dieser Julianische Kalender galt unverändert noch durch das ganze Mittelalter.

Erst Papst Gregor XIII. ließ im Jahr 1582 eine Kalenderreform durchführen, die wissenschaftlich sorgfältig, aber politisch schlecht vorbereitet war. Als Neuerung wurde angeordnet, in allen Hunderter-Jahren falle künftig die Schaltung aus, außer wenn die Hunderter durch 4 teilbar sind. Als Übergangsregelung ließ man sofort 10 Tage ausfallen. Auf den 4. Oktober 1582 folgte (in Rom) der 15. Oktober. Andere Staaten übernahmen diesen Gregorianischen Kalender nur zögernd und zu späteren Zeiten, Russland erst im 20. Jahrhundert.

Es trifft sich auch, das ein weiterer Gedenktag mit der Kalenderkunde zusammenhängt: der 400. Todestag von Scaliger. Joseph Justus Scaliger (05.08.1540-21.01.1609) galt als bedeutendster Gelehrter seiner Zeit, der aber in Vergessenheit geriet, weil er sich zu viele Feinde gemacht hatte nicht zuletzt weil er 1562 zum protestantischen Glauben übergetreten war. Formal ausschlaggebend war, dass seine Gegner nachweisen konnten, die schon von seinem Vater behauptete Abstammung von der Edelfamilie Scala vom Comersee sei falsch. Scaliger hat die Chronologie für historische Zwecke auf wissenschaftliche Grundlagen gestellt. Er erkannte, dass der Tag die einzige verlässliche Zeiteinheit dafür ist. Zwecks rationellen Umrechnens erfand er die universelle Zeitskala des "Julianischen Tages" mit der Epoche (= Nullpunkt der Zeitachse) um 0 Uhr am 1. Januar des Jahres 4713 v. Chr. Von da aus lassen sich alle Zyklen (julianischer Zyklus, Osterzyklus u.s.w.) zu einem umfassenden Scaliger-Zyklus zusammenfassen. Der erste Scaliger-Zyklus wird am 31. Dezember 3267 n. Chr. enden (gregorianisch ist das der 22. Januar 3268). Bei dieser Epochenwahl ergeben sich die wichtigsten Jahreskennzahlen der Kalenderkunde einfach als Reste bei der Division der Jahreszahl durch 28 (Sonnenzirkel), durch 19 (Mondzahl = Goldene Zahl), durch 15 (Römerzinszahl).

Wir erfahren noch, warum die Kalenderkunde historisch auch für uns so bedeutsam war. Über lange Zeiten des Mittelalters war die Kalenderwissenschaft der einzige Grund, Mathematik und Astronomie als Lehrfach an Klosterschulen und Universitäten aufrecht zu erhalten (Zweck: der Computus, die Vorausberechnung des Ostertermins). Ansonsten wären diese Kenntnisse aus der Antike vielleicht verloren gegangen.

2. Die Varus-Schlacht im Jahr 9 n. Chr.

Kalkriese

Aus dem Geschichtsunterricht als Schlacht im Teutoburger Wald bekannt, war dies das Ereignis, bei dem ein römisches Heer unter Varus von Germanen unter der Führung von Arminius vernichtend geschlagen wurde. Wir haben römische Berichte von Cassius Dio, Tacitus und Velleius Paterculus.
Römisches Heer: 3 Legionen + kleinere Einheiten von Hilfsvölkern (3 Alen + 3 Kohorten).
Germanische Allianz: aus den Stämmen der Cherusker, Brukterer, Chatten und Marser.

Ort des Geschehens: schon länger in Verdacht, neuerdings archäologisch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen, das Umfeld von Kalkriese am Nordrand des Wiehengebirges (Osnabrücker Hügelland). Die Ausgrabungen laufen seit 1987 und sind noch nicht beendet. Für den in Wilhelminischer Zeit bevorzugten Ort bei Detmold am Teutoburger Wald, wo das Herrmannsdenkmal steht, spricht nichts mehr.
Zum Namen: Die römische Nennung in saltus teutoburgenses ist deswegen nicht falsch. Nur, was wir heute Teutoburger Wald nennen, ist ein kleiner Teil dessen, was bei den Römern so hieß.

Was geschah? Das Römerheer war von einem Sommerlager an der Weser nach Osten aufgebrochen und nach angeblichem Erfolg auf dem herbstlichen Rückzug nach Westen, wohl in ein Winterlager am Rhein (vielleicht Xanten, das 12 v. Chr. gegründet war). Dabei wurden sie mit gezielten Fehlinformationen durch den Germanen Arminius, der als römischer Offizier das Vertrauen des Heerführers Varus genoss, auf den Weg über Kalkriese geleitet, in eine Kette von Hinterhalten gelockt und aufgerieben. Der trichterförmige Korridor von Sandböden zwischen dem bewaldeten Gebirge und dem nördlich angrenzenden Moor eignet sich sowohl gut als Marschroute in ruhigen Zeiten als auch für einen Hinterhalt.

Wer war Varus? Publius Quinctilius Varus, keineswegs ein minder befähigter Mann, war schon 7-6 v.Chr. Proconsul der Provinz Afrika mit eigenem Münzprägerecht. Dann 6-4 v.Chr. Kaiserlicher Legat mit richterlicher Befugnis (Augusti legatus pro praetore) in der Provinz Syrien, wo er unter anderem den Vorsitz in dem Prozess des Herodes gegen Antipatros führte (gewissermaßen Vorläufer von Pontius Pilatus). Seiner außergewöhnlichen Verdienste wegen wurde er 7 n. Chr. (mindestens 50 Jahre alt) zu ebensolchem Legaten in Germanien bestellt.

Wer war Arminius? Etwa 17 v.Chr. als Sohn des Häuptlings Segimer geboren, kam er mit etwa 9 Jahren als Geisel (Unterpfand für Vertragstreue) nach Rom, erhielt dort eine gute Ausbildung, wurde wohl adoptiert und machte Karriere, all dies durchaus üblich in jener Zeit. Als führender germanischer Offizier genoss er eine Vertrauensstellung bei Varus gerade bei dessen schwieriger Germanien-Mission. Er muss aber frühzeitig gegen das Unternehmen konspiriert haben, aus römischer Sicht Hochverrat.

Neue Forschungen zum Umfeld: Die Bodenoberfläche wurde rekonstruiert. Sie war vor 2000 Jahren sehr viel unruhiger als heute. Die Ausgräber fanden in einer Bronzeglocke, mit der eine Wagendeichsel notdürftig repariert war, gut erhaltenes Pflanzenmaterial als Ausstopfung. Der raumzeitliche Bezug weist auf Juni bis September, passt also gut in die Zeit des Aufenthaltes östlich der Weser; Hafer- und Erbsenstroh zeigen landwirtschaftliches Gelände an. Auch Pollenanalyse ergab für die Region kontinuierliche Besiedlung seit der Jungsteinzeit. In Kalkriese sind Ackerbauspuren seit etwa 100 bis 50 v. Chr. archäologisch belegt; dann wurde die Siedlung aufgegeben. Eine Siedlung im benachbarten Engter bestand noch um die Zeit der Schlacht.
Literatur: Berichte d. Reinhold-Tüxen-Gesellschaft 10 (1998), S.73-94, Speier, Dieckmann, Pott: Paläobotanische Untersuchungen zu den Pflanzenfunden aus den archäologischen Ausgrabungen zur Varus-Schlacht bei Kalkriese.

Einordnung: Die Wertigkeit des Ereignisses ist umstritten. Das Bild von den finsteren Wäldern ist falsch. Als deutscher Nationalheld ist Arminius sicher stark überzeichnet. Auch der Name Herrmann entspringt deutschnationaler Phantasie. Seinen germanischen Namen kennen wir nicht. Dass seine Konspiration einem heiligen Zorn über römische Unterdrückung entsprungen sei, ist unwahrscheinlich. Eher war es ein Versuch, sich für stammesinterne Machtkämpfe zu profilieren. Dazu sind einige nachfolgende Ereignisse aufschlussreich. Trotz (oder wegen) seines Erfolges stößt Arminius im eigenen Stamm nicht auf Vertrauen, sondern auf Gegnerschaft. Sein Onkel Segestes setzt auf Bündnispolitik mit den Römern. Er lässt Arminius gefangen nehmen. Dieser flieht, entführt Segestes Tochter Thusnelda und belagert ihn in dessen eigener Burg. Der Römer Germanicus befreit Segestes und nimmt Thusnelda gefangen. Arminius kämpft gegen den Markomannen-Häuptling Marbod. Dann kommt es zu einem inneren Cheruskeraufstand und Arminius wird von seinen eigenen Verwandten getötet. Im Triumphzug des Germanicus wird Vetter Segimundus, der mehrmals die Fronten gewechselt hat, Thusnelda und der kleine Sohn Thumelicus mitgeführt. Segestes weilt als Ehrengast unter den Zuschauern.

3. Darwin (geboren am 12. Februar 1809)

Viel gefeiert wurde 2009 als Darwin-Jahr. Da es zahlreiche Veranstaltungen gab, fassen wir uns kurz:
a) Darwin war ein äußerst vielseitiger und gründlicher Forscher mit einem umfangreichen Gesamtwerk. Über den Ursprung der Arten von 1859 war nur eines, allerdings sein Hauptwerk.
b) Auch sein theoretischer Gegenpol Lamarck hat ein 200-jähriges Jubiläum aufzuweisen: Sein Hauptwerk, die Philosophie zoologique erschien 1809.
c) Das Neue an Darwins Theorie war nicht etwa die Idee der Evolution auf dem Wege der Abstammung, sondern die Selektionstheorie als Grundlage der Evolutionsdynamik. Abstammungslehre und Evolution war damals in wissenschaftlichen Kreisen als Faktum bereits klar, und Lamarck hatte bereits einen anderen Vorschlag zur Evolutionsdynamik gemacht, nämlich die Vererbung individueller Anpassung, eine Hypothese, die sich aber nicht bewährt hat.

4. Betretung des Nordpols (1909 durch Robert Edwin Peary)

Der Hergang ist umstritten, weil Pearys Dokumentation, fast möchte man sagen absichtlich unklar und vor allem nicht nachprüfbar war. Wahrscheinlich ist der Bericht insofern zutreffend, als Peary dem Pol wohl möglichst nah gekommen war. Ob er ihn erreicht hat, bleibt eine unlösbare Frage.
Was heißt erreicht beim Nordpol? Im Gegensatz zum Südpol liegt der Nordpol nicht auf Festland, sondern im offenen Polarmeer, das nur insofern nicht offen ist, weil Eis darauf schwimmt, damals noch mehr als heute. Aber auch dieses Eis ist dauernd in Bewegung.

Das Zielfoto: Es kursieren zwei Fotos, auf dem die Männer um Peary am Pol posieren (wurde auch neulich in einer Fernsehsendung präsentiert). Beide Fotos zeigen den gleichen Eisschollenberg, auf dem die Fahne aufgepflanzt ist, und ringsum keine andere deutliche Erhebung. Dass sich ausgerechnet genau am Nordpol eine solche Schollenauftürmung über die sonst ziemlich gleichförmige Eiswüste erhebt, hat eine an Unmöglichkeit grenzende Unwahrscheinlichkeit. Aber wenn man zufällig irgendwo einen so markanten Punkt findet, eignet er sich natürlich besonders gut, die Fahne aufzupflanzen, auch wenn es kein Pol ist.

5. Schuljubiläum Gottenheim:

Das heutige Schulgebäude wurde 1909 fertiggestellt (Jahreszahl über dem Torbogen, unter dem Gottenheimer Wappen). Die Schule als Institution gab es schon vorher. Das alte Schulgebäude war weiter im Dorfzentrum unterhalb der Kirche. Alte Gottenheimer wissen das noch.

Außerdem gibt es Akten, aus denen hervorgeht, dass um 1850 zwei Lehrer mehr als 200 Kinder unterrichteten, und aus dem Frühmessfonds bezahlt wurden, so wird es jedenfalls zitiert in der amtlichen Kreisbeschreibung des Landkreises Freiburg Bd. II/1, S. 352 (1972).

Leider war die angekündigte Frau Schmidle durch plötzliche Erkrankung verhindert, aber mit Vertretern der Schule ergab sich ein anregendes Gespräch.

6. Was noch?

Weil allen bekannt, wurde nur kurz angetippt:

Schillers 250. Geburtstag (* 10.11.1759), Händels 250. Todestag († 14.04.1759), Haydns 200. Todestag († 31.05.1809)
Eine Fülle weiterer Gedenkanlässe wurde genannt, nur sechs davon konnten noch mit wenigen Sätzen gewürdigt werden:

Böttger-Porzellan (1709): Johann Friedrich Böttger und Ehrenfried Walther v. Tschirnhaus entwickelten in Dresden das erste europäische Porzellan (das chinesische Weiße Gold war schon längst bekannt). Böttger gelang 1709 der Durchbruch zur Produktionsreife. Tschirnhaus war inzwischen gestorben. Die Manufaktur in Meißen wurde jedoch erst 1710 gegründet.

Alexander v. Humboldt († 06.05.1859) Naturforscher, Begründer der physischen Geographie, Vegetationskunde und Ökologie, forschte vor allem in Südamerika und Zentralasien.

Johannes Calvin (* 10.07.1509) Genfer Reformator, nachhaltige Wirkung auf Frankreich und USA.

Abraham a Sancta Clara († 01.12.1709) eigentlich Johann Ulrich Megerle, populärer Wiener Hofprediger.

Felix Mendelssohn-Bartholdy (* 03.02.1809) bedeutender Komponist der Romantik, Wiedererwecker des Interesses an Johann Sebastian Bach.

Abraham Lincoln (* 12.02.1809) amerikanischer Präsident, im Bürgerkrieg an der Spitze der Nordstaaten, hob die Sklaverei auf, erster ermordeter Präsident.

Die Masse der anderen wurde nur genannt: Knut Hamsun (* 4.8.1859), Nikolai W. Gogol (* 1.4.1809), Wilhelm Grimm († 16.12.1859), Edmund Husserl (* 8.4.1859), Wilhelm Iffland (* 19.4.1759), Jean Jaurès (* 3.9.1859) französischer Sozialist Pazifist Abgeordneter 1914 ermordet, Juliana Königin der Niederlande (* 30.4.1909), Kaiser Maximilian I. (* 22.3.1459), Fürst Metternich († 11.6.1859), Bettina v. Arnim († 20.1.1859), Svante Arrhenius (* 19.2.1859) Chemiker Nobelpreis 1903, Henri Bergson (* 18.10.1859) vitalistischer Philosoph Nobelpreis 1927, Pierre Curie (* 15.5.1859) Nobelpreis 1903 Magnetismus Piezoelektrizität Radioaktivität, Georges Danton (* 28.10.1759), Eleonora Duse (* 3.10.1859), Elisabeth v. Russland (* 29.12.1709), Paul Fleming (* 5.10.1609) Barockdichter, Jakob Fugger der Reiche (* 6.3.1459), Thomas Paine (* 8.6.1809) Schriftsteller, William Pitt d. J. (* 28.5.1759), Edgar Allan Poe (* 19.1.1809), Adam Ries († 30.3.1559), Carl Ritter († 28.9.1859) erster deutscher Geograph, Marschall Tilly (* Februar 1559), Titus Flavius Vespasianus (* 17.11.9 n. Chr.) römischer Kaiser, Johann David Ludwig Graf Yorck v. Wartenburg (* 26.9.1759) preußischer Feldmarschall.

Alle Texte: Dr. J.W. Bammert
Zuletzt geändert 4. Jan. 2017 Kurt Hartenbach. Startseite: gottenheim.de> Gemeinsam> Kulturzentrum> Gedenkanlaesse> gedenk_2009.php Lesemodus